„Who wore it better?“ – Wenn Cover-Songs größer werden als das Original

Gute Cover-Songs sind selten. Dem Original treu zu bleiben und ihm trotzdem seine eigene Note aufzudrücken ist nicht leicht. Umso beeindruckender ist es, wenn eine Coverversion ihr Vorbild in den Schatten stellt.

Knockin‘ on Heavens Door – Bob Dylan/Guns N‘ Roses

Ein Werk, das im Katalog von Guns N‘ Roses ganz weit oben steht. Das sanfte Gitarren-Arpeggio im Intro und Axls gefühlvolle Vocals geben dem Song schon nach wenigen Sekunden einen ungeheuren Wiedererkennungswert. Mit dem Einsetzen der kurzen Gitarrensoli und eines Chors gewinnt der Track unfassbar an Emotion.

Das Original hat damit kaum etwas zu tun. Bob Dylan, der als einer der besten Songwriter aller Zeiten gilt, schrieb „Knockin‘ on Heaven’s Door“ 1973 für einen Western-Film. Die Aufnahme geht kaum zweieinhalb Minuten und besteht größtenteils aus akustischer Gitarre und minimalistischem Gesang. Obwohl auch hier im Refrain ein Chor eingesetzt wird, kann sich Dylans Original nicht mit Guns N‘ Roses‘ emotionalem Feuerwerk messen, das nicht umsonst in die Geschichte eingegangen ist.

Mad World – Tears for Fears/Gary Jules

Auch wenn die Mode-Erscheinung „80er“ gerade voll am boomen ist, ist es vielleicht besser, einiges aus dieser Zeit der Vergangenheit zu überlassen. So schrieb die Pop-Gruppe Tears for Fears im Jahr 1982 den Song „Mad World“. Ein lyrisches Meisterwerk, das den Genre-Typischen Merkmalen des Synthie-Pop zum Opfer fiel. Roboterhaft eintöniger Gesang, viel Hall auf der Stimme und elektronische Drumloops nehmen den herzzerreißenden Lyrics jede Möglichkeit den Hörer zu erreichen. Umso besser, dass der Komponist Michael Andrews sich 2003 mit Gary Jules zusammentat. Für den Soundtrack zum Film „Donnie Darko“ legten die beiden den Song als Ballade auf dem Klavier neu aus und wurden diesem herausragenden Stück Lyrik damit gerecht.

Sound of Silence – Simon and Garfunkel/Disturbed

Im Jahr 1964 veröffentlichte das Folk-Duo Simon and Garfunkel „The Sound of Silence“ und hatten dabei keine Ahnung, wie viele Generationen sie mit diesem Werk berühren würden. Die langsame Ballade basiert auf nichts als akustischer Gitarre und leisem Gesang. Mehr braucht es jedoch nicht, um dem Hörer eine melancholische Gänsehaut zu verpassen. Bereits vom ersten Satz an ist dieser Song Kult: „Hello darkness my old friend.“

2015 beschloss die Metalband Disturbed, sich dem Song anzunehmen – keine leichte Aufgabe, bei einem Track dieses Kalibers. Disturbed verleihen dem Song eine regelrechte Spannungskurve. Der Anfang ist, ähnlich wie beim Original, leise und melancholisch. Mit der Zeit baut sich der Track auf und gewinnt an Lautstärke und Instrumentalisierung. In einer Explosion aus Streichinstrumenten und Rough-Vocals findet er seinen Höhepunkt, der einem kalte Schauer über den Rücken jagt. Welche der beiden Versionen nun die bessere ist, wird bis heute heiß diskutiert. Nicht zu unrecht, denn jede für sich ist ein Meisterwerk.

White Rabbit/Feed your Head – Jefferson Airplane/Paul Kalkbrenner

Was passiert, wenn man einen historisch wichtiges Stück mit gesellschaftskritischen Motiven zu einem Electro-Song remixt? Es verliert seine Bedeutung. Jefferson Airplanes „White Rabbit“ gilt als einer der wichtigsten Songs der 60er Jahre-Psychedelic-Bewegung. In dem Track geht es darum, alles, was nur um der Tradition willen traditionell ist abzulehnen. Songwriterin Grace Slick benutzt die offensichtlichen Motive von Drogenkonsum in der Geschichte von Alice im Wunderland, um die Scheinheiligkeit der älteren Generation offen zulegen: „They seemed unaware that many books they read to us as kids had drug use as a subtext.“

Nicht, dass Paul Kalkbrenners Variante „Feed your Head“ schlecht wäre. Kalkbrenner schafft es, die dunkle Stimmung und musikalische Entwicklung des Originals beizubehalten und in moderne Musik zu übersetzen. Der Gesang wird perfekt komplementiert und die Motive von Drogenkonsum passen natürlich auch auf die heutige Szene. Soundtechnisch ist der Song einwandfrei. Das einzige Problem ist, dass der Text extrem in den Hintergrund rückt. Heute ist die Abgrenzung von veralteten Werten ebenso wichtig wie damals. Umso schlimmer ist es, dass kaum jemand Ahnung vom Inhalt eines Protest-Songs hat, der bei vielen DJs zum Standard-Repertoire gehört. Daran, ob „Feed your Head“ dem Original gerecht wird, lässt sich also zweifeln.

Behind Blue Eyes – The Who/Limp Bizkit

Hier ist ein Song, der nicht zu unrecht vom Rolling Stone als zweitschlechtestes Cover aller Zeiten gekürt wurde, übertroffen nur von Miley Cyrus‘ „Smells Like Teen Spirit“. Limp Bizkits Version von Pete Townshends Meisterwerk „Behind Blue Eyes“ fügt dem Original nichts hinzu. Zu sagen, der Song sei geklaut, wäre ein zu hohes Kompliment. The Whos Original zeichnet sich durch große Variation in den Vocals aus. Das Stück beginnt leise und rein akustisch mit nichts weiter als Gesang und einer simplen Gitarre. Mit jedem Abschnitt des Songs wird der Gesang jedoch vielschichtiger. Wichtige stellen kriegen eine besondere Betonung und alles wird mehr und mehr mit Harmonien unterlegt. In der letzten Minute schlägt „Behind Blue Eyes“ schließlich in einen explosiven, von E-Gitarren geprägten Classic Rock-Sound um.

Dass der Song mehrere Schichten hat, scheint an Limp Bizkit leider vorbeigegangen zu sein. Erbarmungslos wird jede Zeile geplättet und in die ruhige Anfangsmelodie gequetscht. Alles über demselben geklauten Gitarren-Arpeggio. Was übrig bleibt ist sozusagen ein Karaoke singender Fred Durst. Super. Die einzige Neuheit, die Limp Bizkit bringen ist eine Bridge, in der über ein Speak and Spell der Titel des Songs buchstabiert wird.

Das Schlimmste ist aber, dass Limp Bizkit in Europa so erfolgreich mit „Behind Blue Eyes“ waren, dass sie The Who damit überschattet haben. Kaum jemand scheint sich noch an das Original zu erinnern. Umso furchtbarer, dass es tatsächlich Menschen gibt, die zu glauben scheinen, Fred Durst sei zu solchen lyrischen Leistungen fähig. Der Verfasser von Zeilen wie: „Now I know y’all be lovin‘ this shit right here / L.I.M.P Bizkit is right here.“

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Herzkoma sagt:

    Jetzt doch drauf gekommen und du hast Recht: Buckethead ist fantastisch und ich kannte ich noch nicht. Ich such ja inzwischen wieder nach Solo-Gitarristen und ich denke, hier hab ich einen Glücksgriff dank deiner Empfehlung gemacht. Früher hab ich fast nur auf Gitarrenmusik gestanden. Ich sag nur: Yngwie Malmsteen (gibst den noch?), Johnny Guitar Watson, Stevie Ray Vaughan, Jeff Beck usw.

    Danach hatte ich mich mehr der Gothic-Scene zugewandt. „Paradise Lost“ etwa gehört zu meinen absoluten Favoriten, auch wenn sie heute mehr Blackmetal spielen. Die ersten Alben aber waren unschlagbar ..

    Auch hab ich mich schlau gemacht: Buckethead hatte Paul Gilbert als Lehrer und verehrt Joe Satriani, der Steve Vai das Gitarrenspiel beibrachte, wenn man den alten Legenden glauben darf 🙂

    Dankeee ❤

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  2. Herzkoma sagt:

    Da hat sich der Felix wieder eine Menge Arbeit gemacht, indem er die Originale mit den besten Cover-Versionen verglich. Man muss natürlich auch sagen, dass jedes Cover nicht nur einfach so komponiert wird, sondern dass es auch eine Verbeugung vor der Kunst der Urheber darstellt und vielleicht sogar auf den Ursprung hinweist und dazu animiert, die Urform einmal (wieder) anzuhören.

    Auf der anderen Seite kennen auch viele Hörer den wahren Urspung der geliebten Version überhaupt nicht und hier erfahren sie einmal im kleinen Rahmen, woher ihre Lieblingslieder überhaupt kommen und wer sie geschrieben hat, auch wenn ihnen das Original etwas „altbacken“ vorkommt, aber das ist der Lauf der Zeit. Damals waren die Möglichkeiten noch beschränkt, die Entwicklung, die Technik noch am Anfang, aber unsere Eltern und Großeltern fuhren voll darauf ab.

    Ich liebe Slash, auch wenn er meiner Meinung etwas überschätzt wird und er hat ja auch auf dem letzten und polarisierenden Werk von Ozzy mitgewirkt und ich muss dazu nicht mehr sagen ..

    Aber ich liebe auch „Mad World“, weil ich den Film sehr mag und ich wusste nicht, dass der Song von „Tears For Fears“ entworfen wurde, weil die Gruppe nicht zu meinen Hörgewohnheiten gehört.

    Ich wollte noch auf ein Cover hinweisen, das mir sehr am Herzen liegt: Das Lied „Little Wing“ von dem unerreichten Gitarrenmeister „Jimi Hendrix“ ist eins meiner absoluten Lieblinglieder: „Steve Vai“ hat es kongenial wiedergegeben:

    Ich wünsch dir, lieber Felix, weiterhin ein gutes Händchen für die Belange der Musik. Daumen hoch 🙂

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    1. Felix Ferraris sagt:

      Steve Vai hat meinen allergrößten Respekt. Sich in der heutigen Musiklandschaft als Solo-Gitarrist zu behaupten ist schon an sich ein riesiges Kunststück. Einem Hendrix Stück live auf der Bühne gerecht zu werden ist auch nicht gerade leicht, aber Vais Virtuosität ist ja wohl unstrittig.

      Ich hatte auch üebrlegt, „All Along The Watchtower“ mit in den Text zu nehmen, dass Jimi ja von Bob Dylan entliehen hat, habe mich dann aber entschieden, zeitgenössischere Covers zu verwenden (außerdem kommt Dylan ja auch so schon auf seine Kosten).

      Was Slash angeht finde ich, dass überschätzt ncht ganz der richtige Ausdruck ist. Sicherlich ist er nicht der technisch versierteste Gitarrist seiner Zeit, noch ist er es jemals gewesen. Was ihn meiner Meinung nach zur Ikone macht und auch noch immer seinen Platz im Rampenlicht rechtfertigt ist, dass er extrem Anpassungsfähig ist, ohne dabei seinen Stil zu komprometieren.
      Während es den anderen Mitgliedern von GNR schwergefallen ist, sich weiterzuentwickeln, hat sich Slash in den letzten 20 Jahren einmal quer durch die Musikszene gespielt und mit verschiedensten Leuten zusammengearbeitet, die vom Sound her nichts mit GNR zu tun hatten. Ein gutes Beispiel dafür ist sein aktuelles Projekt mit Myles Kennedy und den Conspirators.

      Zuletzt möcht eich dir noch einen meiner Lieblingsgitarristen ans Herz legen, der Steve Vai auf technischem Niveau in nichts nachsteht:

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      1. Herzkoma sagt:

        Ich frag nur mal so: Meinst du Buckedhead?

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      2. Herzkoma sagt:

        Danke, aber da seh ich nur Landschaften und höre keine Musik ..

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